Mittwoch, November 22, 2017

Dorian, der Pferdeflüsterer


Nach ein paar Monaten Schreibpause gibt es von un an wieder regelmäßige Einträge in meinem Blog. Ich setze in den kommenden Wochen zunächst nochmals mit 2-3 Geschichten aus den guten alten Las Vegas-Zeiten an, bevor es danach mit ein paar aktuellen Sachen weitergeht. 
Potti schreibt wieder 📖 


In der heutigen Story geht es um Dorian. In all den Jahren, in denen ich in Las Vegas gelebt habe, war Dorian – er dürfte so 2-3 Jahre älter gewesen sein als ich –  mit Sicherheit der allerschrägste Vogel, den ich je in der Wüstenstadt kennengelernt habe. Natürlich habe ich auch seine Bekanntschaft am Pokertisch gemacht. Um es gleich vorweg zu nehmen
à Dorian war mit der lausigste und schlechteste Pokerspieler, dem ich in den all den Jahren begegnet bin. Er hatte keine Chance zu gewinnen…beim besten Willen nicht! In den 100-200 Sessions, die ich garantiert zusammen mit ihm bzw. gegen ihn in Binion’s Horseshoe Downtown Las Vegas gespielt habe, hat er aus meiner Erinnerung heraus keine drei Sitzungen mit Gewinn abgeschlossen. Er hat in dieser Zeit wirklich eine Menge Kohle durchgebracht.
Mein zweites Zuhause!
Binion's Horseshoe Downtown Las Vegas

Aber es schien ihm nie wirklich etwas auszumachen. Er bekam dadurch keine schlechte Laune…ganz im Gegenteil. Dorian war immer gut drauf und versprühte diese gute Laune auch immerzu. Nicht nur bei den Mitspielern/Gegnern am Tisch, die ja von seinen mangelnden Spielkünsten profitierten, sondern vor allem auch beim Personal. Es gab keinen im Casino , der ihn nicht mochte und es gab wohl auch keinen anderen Spieler in Binion’s Horseshoe, der nach einem gewonnenen Pot so viel Trinkgeld gab wie Dorian. Hin und wieder gab es auch mal den halben Pot für den Croupier. Er war der geborene Comedian. Speziell nach Bad Beats am River und die gab es vor allem beim Limit Omaha reichlich, drehte er manchmal richtig mächtig auf. Ich kann ich es mir bis heute ehrlich gesagt nur schwer erklären, wieso er damals nicht von irgendeinem Show-Scout entdeckt worden ist, denn er hätte sicher auch auf den großen Bühnen der Stadt die Zuschauer kurzweilig unterhalten. Meinen Humor und auch den Humor sehr vieler anderer Mitspieler hat er jedenfalls voll getroffen. Und uns häufig so dermaßen zum Lachen gebracht, dass wir massive Bauchkrämpfe bekamen und wir uns anschließend Tränen aus den Augen wischen mussten!
Dorian war einfach nur genial
J 

Der eine oder andere von euch wird sich vielleicht fragen, wie denn jemand überhaupt in der Lage war täglich so viel Geld am Pokertisch zu verlieren und in Las Vegas dennoch überleben konnte...ohne zu arbeiten. Dafür gab es eine ganz einfache und logische Erklärung! Dorian war einer der besten und erfolgreichsten Pferdeexperten in der Stadt! Es gab kein einziges Rennpferd zwischen New York und Los Angeles, das er nicht kannte. Er wusste um alle Stärken und Schwächen der Zossen, er kannte ihre Ergebnisse in den absolvierten Rennen und vor allen Dingen auch, in welcher Form sie sich am Renntag befanden und auf welchem Geläuf sie ihre beste Performance ablieferten. Dieses Wissen gepaart mit seinem komplett angstfreien Setzverhalten machte ihn aus Sicht der Buchmacher eigentlich zu einem sehr gefährlichen Zocker. Er gehörte zu der Kategorie von Spielern, denen das Casino nach zu regelmäßigem Erfolg normaler Weise gern auch mal freundlich mitteilt, dass sie ihr Glück doch bitte in einem anderen Casino probieren möchten und nicht mehr gern gesehen sind. Nicht aber in Binion’s Horseshoe! Die Buchmacher und verantwortlichen Manager im Casino wussten, dass Dorian die gewonnenen Beträge sowieso wieder direkt im eigenen Laden lassen würde. Entweder an den Casinotischen, an der Bar (er trank auch mal gern einen oder zwei) oder eben im Pokerroom. Auch wenn bei Letzterem das Casino nicht direkt davon profitierte, so hielt er dennoch die Tische am laufen und alle fühlten sich pudelwohl. Der Kreislauf funktionierte. Daher ließ man ihn gewähren und ihn seine Pferdesport-Fachkenntnisse ausleben.

Es kam nicht selten vor, dass Dorian entweder mich oder andere Leute nachmittags um ein paar Dollar anpumpte. In Las Vegas wimmelt es im Übrigen von diesen sogenannten Hustlern, die einen mit den ausgefallensten Geschichten um ein wenig Geld anpumpen. Da ich gerade in meiner Anfangszeit wirklich fast jedem etwas gab, den ich grob kannte (manche Leute dann aber wochenlang nicht oder NIE mehr gesehen, geschweige das Geld zurückbekommen habe), hatte ich mir mit der Zeit angewöhnt generell kein Geld mehr zu verleihen. Meine manchmal naiv soziale Ader wurde mit der Zeit einfach zu kostspielig
😃 Bei Dorian machte ich jedoch eine Ausnahme und dafür gab es Gründe:

1. Wollte er meist nur 2 oder 5 Dollar.

2. Bekam ich das Geld meist ein paar Stunden später auf Heller und Pfennig zurück. Oftmals kam er mit leeren Taschen ins Casino und ein paar Stunden später hatte er mehrere Hundert, an großen Renntagen und bei richtig guten Lauf auch mal mehrere Tausend Dollar in der Tasche! Wenn er “in the zone“ war, dann war in der Lage bei gleich bei 7 oder 8 Rennen in Serie den richtigen Sieger vorhersagen. Da er dann seinen Gewinn meist “parlayte“, also stehen ließ, wurden aus 2 $ dann schnell auch mal 1.000 $. Irgendwann einmal machte er aus 5$ innerhalb von 4 Stunden 15.000$ ...um mich am nächsten Nachmittag jedoch wieder um 2$ anzupumpen
J

3. Es war natürlich auch nicht ganz uneigennützig. Mir war klar, dass er aus dem Race & Sports Book langfristig Kohle rausholte. Um es dann beim Pokern allerdings genau so schnell auch wieder unter die Leute zu bringen. Und davon profitierte ich nun mal. Nicht nur finanziell, sondern eben auch des Spaßfaktors wegen. Alle waren zufrieden…außer vermutlich das Race & Sports Book, dass in der internen Binion’s-Kostenstelle an Dorians starken Tagen häufig mit einem Minus oder sagen wir besser mit geringeren Gewinnen kalkulieren musste.

Eine zusammen mit Dorian erlebte Geschichte werde ich sicher nie im Leben vergessen.

Am besagten Sonntag spielte ich Poker im Mirage Casino. An den Wochenenden wimmelte es im Mirage immer von Poker-Touristen und es war für jeden ambitionierten (Semi-) Pokerprofi absolute Pflicht & Überlebens wichtig, ordentlich Stunden zu investieren. Zu "grinden", wie der Pokerfachmann zu sagen pflegt. Nun saß ich wieder an so einem Tisch. Um mich herum 8 ahnungslose Touristen, die gerade mal die Regeln kannten. Ein Traumszenario!

Auf einmal tippte mir jemand auf die Schulter. Es war Dorian und er schien verzweifelt. „Martin“, sagte er, „ich habe einen totsicheren Tipp für das nächste Rennen. Kannst du mir ganz schnell ein paar Dollar leihen“? Da ich zu diesem Zeitpunkt im Minus war, griff ich ausnahmsweise mal nicht in die Tasche und gab ihm ein wenig Taschengeld, sondern stand auf und ging mit. Ich wollte von seinen Tipps profitieren und witterte einen fetten Zahltag. Obwohl das Race&Sports direkt nebenan lag, mussten wir uns beeilen, da das von ihm ins Auge gefasste Rennen in weniger als 5 Minuten begann. Zudem gab es nur wenige Schalter und gerade in den letzten Minuten vor dem Rennen platzierten meist alle Experten ihre Wetten.

Im aus 10 Pferden bestehenden Teilnehmerfeld hatte Dorian zwei Rennpferde ausgemacht, die zu 100% die beiden ersten Plätze belegen würden. Als wir vorn am Counter standen, setzten wir alle Kombinationen durch. Pferd 1 vor 2, Pferd 2 vor 1, beide auf Platz (egal in welcher Reihenfolge) und zudem noch einige Dreier-Kombis mit exakt vorhergesagtem Zieleinlauf, wo unsere beiden Rassepferde natürlich ebenfalls immer mit inbegriffen  waren. Unsere beiden Zossen hatten sogar ordentliche Quoten. Ich meine es wären 6/1 bzw. 8/1 jeweils auf Sieg gewesen. Für Dorian investierte ich 21$ für 7 Tickets und für mich den gleichen Betrag mit den identischen Wettscheinen. Es sollte richtig rappeln im Karton, wenn Dorian Recht haben sollte und das Rennen so wie von ihm prognostiziert ausgehen würde. Nie wieder arbeiten!!! 

Moonlight & Black Beauty $$$$$$$

Das Rennen
Nun, ich kürze die Geschichte jetzt mal gehörig ab. Moonlight & Black Beauty (ich nenne die Pferde so, wobei ich zugebe, dass ich ihre wahren Namen vergessen habe) lagen in der ersten Kurve zumindest noch im Mittelfeld des Feldes mit kleiner Distanz zur Spitze. In der zweiten Kurve jedoch hatten sie bereits keine realistische Chance mehr das Rennen zu gewinnen. Als die ersten Rennpferde dann die Ziellinie durchquerten, hatten die offenkundig zu einem Kaffeeklatsch verabredeten Moonlight & Black Beauty geschätzt 15-20 Längen Rückstand und kamen als Letzter bzw. Vorletzter ins Ziel
J Es war im Übrigen das erste und einzige Mal, dass ich in Las Vegas auf ein Pferderennen gesetzt habe!

Was lernen wir daraus?

Wenn jemand einen 100%ig todsicherem Tipp für euch hat, dann prüft diesen Tipp dennoch nochmals ausgiebig und trefft eure Entscheidung basierend auf euren eigenen Kenntnissen und/oder Bauchgefühlen. Dies gilt nicht nur für Pferdewetten, sondern auch bei Sportwetten jeglicher Art, Aktienempfehlungen sowie vielen anderen Situationen im täglichen Leben! 100% sicher ist im Leben nämlich so gut wie gar nichts! 

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