Freitag, November 30, 2018

Potti in Vegas am & im Limit (Teil 4)


Der letzte Blogeintrag ist nun 9 Monate her. Ich könnte hier jetzt schreiben, dass ich eine schöpferische Pause brauchte oder dass ich arbeitstechnisch viel um die Ohren hatte. Stimmt vielleicht sogar ansatzweise, aber der Hauptgrund ist, dass ich einfach keine Lust hatte zu schreiben. Mehrfach zwischendurch hatte ich wieder angesetzt, aber es lief einfach nicht flüssig beim Schreiben. Das kann vermutlich sowieso nur derjenige nachvollziehen, der selbst einen Blog schreibt oder vielleicht sogar hauptberuflich mit dem Schreiben von Artikeln oder gar Büchern zu tun hat. Da gibt es einfach solche Phasen. Weiter erschwerend kam natürlich noch der überaus geile Sommer hinzu, wo ich meine Hauptarbeit auf den frühen Morgen oder den Abend verlegte um tagsüber im Freibad zu verweilen. Da blieb dann nicht die benötigte Zeit um ausgiebig und vor allen Dingen regelmäßig Blogeinträge zu verfassen. Nun aber – der Winter bietet da einfach mehr Freiraum - werde ich euch wieder Einträgen bombardieren. Zum einen werde ich die Serie “Pokerprofi am Limit“ mit einigen Episoden zu Ende bringen, zum anderen werde ich auch mein jetziges Leben schildern. Vielleicht gibt es sogar einige Kurzausflüge in ganz andere Themenbereiche.

Also…ich gelobe Besserung und bis April/Mai werdet ihr einiges zu lesen bekommen.

Um nochmals kurz wieder rein zu kommen, hier der Link zur letzten Ausgabe der Serie:

http://pottis-poker-blog.blogspot.com/2018/02/potti-in-vegas-am-im-limit-teil-3.html

Wir schreiben das Jahr 1993 und ich lebte nun bereits zwei Jahre in Vegas. In der Stadt, wohin viele fuhren einfach nur um Urlaub zu machen! Und dafür sehr viel Geld ausgaben. Eine traumhafte Zeit lag hinter mir...es war schöner als ich es mir zu Beginn des Trips in meinen kühnsten Träumen überhaupt vorgestellt hatte. Zwei Jahre lang hatte ich keinen einzigen Verlustmonat an den Pokertischen! Ich konnte meine Finanzreserven bis auf leichte Rückschläge quasi permanent ausbauen. Und nun, nach 4 überaus durchwachsenen Monaten am Stück, hatte ich nicht nur meinen ersten Verlustmonat zu verzeichnen und mein Mindset war gehörig ins Wanken geraten, sondern auch in meine Bankroll war eine gewaltige Schneise gefräst worden! Zudem, und das war wohl das allergrößte Problem, hatte ich mein Spiel nicht mehr zusammen. Das Unternehmen stand erstmals in Gefahr, in großer Gefahr!

Dann, im Sommer 1993, kam Gott sei Dank eine einzige Nacht in Binions Horseshoe, die alles, aber auch wirklich alles komplett verändern sollte…

Mir war klar, dass ich dringend etwas verändern musste, sehr dringend! Der erste Schritt war, dass ich meinen Spielrhythmus wechselte. Bis dahin war ich quasi ausschließlich in der “Spätschicht“ aktiv. Nach einigen Nachmittags-Stunden am Pool und einer frischen Dusche war ich bislang immer so zwischen 18 und 19 Uhr ins Casino gefahren, wo ich dann bis in die frühen Morgenstunden spielte. Mir war natürlich nicht entgangen, dass sich zwischen 2 und 4 Uhr morgens viele Angetrunkene an die Tische setzten sowie auch Roulette- und Black-Jack Dealer aus den verschiedensten Casinos, die nach Schichtende ihr schnelles Glück beim Poker suchten. Ihnen allen fehlte es reichlich an Geduld und sie waren fast durch die Bank leichte Beute….Fische, wie der Pokerprofi diese Sorte Spieler zu nennen pflegt! Je früher die Morgenstunden, desto attraktiver wurden die Tische, desto häufiger kamen die Fische in der Regel. Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich ja selbst bereits 8-10 Stunden auf dem Buckel und war bei weitem nicht mehr so konzentriert wie zu Beginn einer jeden Session. Also sah ich es als notwendigen und konsequenten Schritt an in die Nachtschicht zu wechseln, in die sogenannte Friedhofsschicht oder “Graveyard“, wie sie vom Ami typischer Weise genannt wird.  

Wechsel auf Nachtschicht "GRAVEYARD" 

Von nun an ging es also nach dem Sonnenbad am Pool zunächst erst einmal ins Bett. Schlaf war angesagt. Ich stellte den Wecker auf 1.00 Uhr in der Nacht und machte mich dann frisch geduscht auf zur Arbeit. Rein spielerisch ging der Plan eigentlich auch auf. Allerdings gab es ein großes Problem! Häufig brachen die Tische ab, da der Nachschub an frischen Spielern in den frühen Morgenstunden fehlte. Und so stand ich regelmäßig nachts zwischen 5 und 7 Uhr da, war komplett ausgeschlafen, motiviert und spielbereit, hatte jedoch keine Kundschaft mehr und auch keine Ahnung, was ich am frühen Morgen überhaupt machen sollte.

Dann im Sommer 1993 oben angesprochene Nacht, die alles grundlegend verändern sollte. Ich war im Horseshoe und spielte 4/8$ Limit Holdem. Es war 4.30 Uhr morgens und ich saß am letzten laufenden 4/8 Tisch. Unsere Runde bestand noch aus 6 Spielern und es war kein einziger Fisch darunter. Das Shorthanded-Game mit 6 oder weniger Spielern war sowieso nicht wirklich meine Paradedisziplin. Aber wenn dann zusätzlich nicht einmal ein Schwachspieler am Tisch saß, dann war mir auch klar, dass die Rake (
à Kommission, die sich das Casino aus jedem Pott zieht) uns eh alle zerstören würde. Einer der Gegner war dann auch noch im Begriff seine Klamotten zu packen und der Tisch war kurz vor der Auflösung. In diesem Moment kam Shelly - die Floormanagerin - zu uns an den Table. Sie wollte natürlich nicht, dass wir das Casino verlassen, sondern wollte die freien Plätze an den anderen Tischen durch uns besetzen. „Hey guys, ich habe drei freie Plätze am Omaha-Tisch für euch“ und nicht einmal unsere Antwort abwartend, ob wir überhaupt spielen wollten, schmiss sie ein paar Platzkarten auf den grünen Filz. Ich zog die Nr. 2 und somit meine Berechtigung für einen der freien Plätze.

Ich nahm den Platz ein. Einerseits aus Langeweile, andererseits bin ich im Leben neuen Sachen gegenüber sowieso positiv aufgeschlossen. Man muss zumindest alles einmal ausprobiert haben um mitreden zu können. Wieso also nicht auch mal eine Partie Limit Omaha spielen? Wobei ich ehrlich gesagt nicht sonderlich viel über das Spiel wusste. Ich wusste, dass beim Omaha 4 anstatt 2 Karten ausgeteilt wurden und dass man auch zwangsweise 2 der eigenen 4 Karten zum Bilden einer Pokerhand benutzen musste. Auch wusste ich, dass die Setzstruktur identisch zum Texas Holdem war. 2$ und 4$ die Blinds, vor und nach dem Flop konnte jeweils 4$ gesetzt bzw. erhöht werden (maximal 4 Raises), nach dem Turn sowieso River jeweils 8$ zzgl. 4 möglicher Erhöhungen. Das Spielen einer Hand bis zum Maximalanschlag konnte also recht teuer werden. Und mir war bewusst, dass das Omaha-Spiel im Horseshoe quasi immer extrem wild war. Oft genug hatte ich am Nachbartisch mitbekommen, dass dort Monsterpötte in Serie ausgespielt wurden und der grüne Filz des Tisches regelmäßig komplett bedeckt war von den 1$ Binion-Chips. Dass die Dealer für das Zuschieben des Potts an den Gewinner teilweise 4-5 beidhändige Schübe benötigten!
Strategisch betrachtet hatte ich jedoch Null Plan! Weder wusste ich, welche Hände man in welchen Positionen vor dem Flop effektiv zu spielen hatte, noch war mir bekannt, wie man mit “gemachten Händen“ oder eben auch Draws nach dem Flop/River am geschicktesten vorzugehen hatte. Auch kannte ich die Gegner und deren Spielstärke nicht, da die Omaha-Community eine ganz eigene und seltsame Familie für sich war. Eine Familie, der ich recht bald zugehören sollte!

Ob ich bei meinem ersten Ausflug auf neuem Terrain einfach nur guten Beistand von den Pokergöttern hatte oder ob ich gleich zu Beginn instinktiv recht solide Entscheidungen getroffen habe, das kann ich im Nachhinein nicht mehr beurteilen. Aber es wurde eine sehr erfolgreiche Omaha-Entjungferung für mich. Als ich irgendwann morgens um 10.00 Uhr meine Klüngel zusammenpackte, hatte ich ein sattes Plus von knapp 600$ zu verzeichnen. Nicht nur, dass es meinem Geldbeutel sehr gut tat, auch für mein Ego war es überaus wertvoll. Aber zwei Sachen waren noch viel wichtiger:

1. Meine erste Omaha-Session hatte tierisch Bock gemacht! Während ich beim Texas Holdem pro Stunde immer nur so 3-5 Hände spielte und den Rest ablegen musste, so waren es jetzt um die 8-10 spielbare Hände pro Stunde…es war also mit Abstand kurzweiliger. Und natürlich auch wesentlich dramatischer. Die Pötte waren hier wesentlich größer und wurden fast ausnahmslos am River entschieden. Nichts für schwache Nerven und durchgängig Adrenalin pur!

2. Die Gegner machten einen extrem schwachen Eindruck! Ich hatte beim Texas Holdem in den zwei Jahren ja schon die kuriosesten Konstellationen gesehen. Aber jetzt beim Limit Omaha war es naturgemäßer noch viel krasser, da ja jeder Mitspieler 4 Karten in der Hand hielt. Und 4 Karten bedeuten 6 einzelne Holdem-Kombinationen pro Spieler. Zur Erklärung: Karte 1+2, 1+3; 1+4; 2+3; 2+4, 3+4
Bei 10 Spielern am Tisch bedeutete das, dass 60 verschiedene Holdem-Kombinationen unterwegs waren. Und insgesamt waren 45 der 52 Karten im Spiel! Ich brauchte kein Albert Einstein sein um zu verstehen, dass man hier wesentlich vorsichtiger agieren musste und quasi permanent die bestmögliche Hand halten musste um erfolgreich sein. Dies schienen die anderen aber nicht zu beherzigen. Sie gingen mit ihren Open-ended straight oder flush-draws mit, wenn das Board sich bereits gepaired hatte, überspielten ihre Baby Full-Houses usw. Sie setzten, wenn sie besser hätten checken sollen und checkten, wenn sie noch Value hätten rausholen sollen. Ich konnte kaum glauben, was ich dort sah.

Kurzum…es war unfassbar, wie schwach die Leute spielten. Von den vielleicht 100 regelmäßigen Omaha-Spielern, denen ich den nächsten Wochen und Monaten an den Tischen begegnen sollte – es war wirklich eine große Familie, wo sich nur sehr selten mal andere versuchten – waren vielleicht maximal 5 Gegner dabei, die aus meiner Sicht solide spielten und die ich ernst nahm. Ich hatte eine wahre Goldgrube aufgetan…ich war im wahrsten Sinne des Wortes im Paradies gelandet! Und je mehr ich spielte, desto besser wurde ich.
Mit der Zeit wusste ich nicht nur genau, welche Hand in welcher Position und Situation effektiv zu spielen bzw. zu passen war, sondern ich hatte auch alle Gegner mehr oder weniger bis ins kleinste Detail analysiert. Ich wusste, wie sie ihre Sets, aber auch ihre Draws spielten. Es war, als wenn sie alle mit offenen Karten agierten. Natürlich gab es hin und wieder Rückschläge, wenn eben gar nichts ging. Aber dies kam nicht so häufig vor. Ich machte mir in dieser Phase richtig die Taschen voll. Ohne mich selbst beweihräuchern zu wollen, so möchte ich definitiv die Aussage treffen, dass es von Sommer 1993 bis Sommer 1994 keinen Spieler Downtown Las Vegas gab, der a) mehr Limit-Omaha Hände spielte als ich und b) mehr Geld aus diesem Spiel herauszog. Ich saß im Schnitt 12-14 Stunden pro Tag an den Tischen, in der Regel verteilt auf zwei, manchmal auch drei Sessions und es lief abartig gut.

Meine Arbeitsstätte und auch mein Zuhause


Das war dann auch der Grund, wieso ich nochmals umzog. Ich hatte mittlerweile zwar ein Auto, aber diese Touren von meinem Apartment im Polo Club nach Downtown und zurück waren angesichts des krassen Verkehrs auf den überfüllten Straßen schon nervig und zeitaufwendig. Mit meinem WG-Partner Corky verstand ich mich zwar gut, aber dennoch war da ein Altersunterschied von knapp 40 Jahren. Zudem stand er morgens um 7.00 Uhr auf…da war ich manchmal noch gar nicht zu Hause. Unsere Tages-Rhythmen passten einfach nicht wirklich zusammen. Von daher fiel mir der Auszug nicht sonderlich schwer und ich entschied mich für einen Umzug nach Downtown. Da ich mittlerweile ausnahmslos im Horseshoe spielte und eben auch sehr viel – damit dem Casino natürlich auch ordentlich Rake einbrachte - konnte ich über den Pokerroom-Manager einen überaus fairen Monatspreis von 700$ für das Hotelzimmer im Horseshoe aushandeln.
Hört sich auf den Blick recht viel an, zumal es ja auch nur ein einfaches Zimmer war und ich dort bei weitem nicht den Luxus des Polo Clubs hatte. Aber wenn man bedenkt, dass der Übernachtungspreis an manchen Wochenenden, wenn die Stadt aufgrund eines Mega-Boxkampfes oder eines Konzerts wieder einmal aus allen Nähten platzte, allein 100$ und mehr pro Nacht betrug, dann waren die 700$ für den gesamten Monat schon OK und angemessen. Zumal ich es mir aufgrund der Einnahmen beim Omaha jetzt auch locker leisten konnte und ich obendrein Verzehr-Coupons bis zum Abwinken bekam.
Und einen Pool für die Nachmittage in der Sonne hatte ich dort auch. Er lag auf dem Dach des Hotels im 26. Stock! An diesem Pool lernte ich eines Tages dann auch Jessica kennen.
...to be continued

Dienstag, Februar 27, 2018

Sibirische Kälte

Angesichts der aktuell herrschenden Kälteperiode hierzulande mache ich heute nochmals einen ganz kurzen Ausflug ein paar Jahre zurück. Denn bei diesen Temperaturen fällt mir natürlich unweigerlich mein erster Trip nach Russland 🇷🇺 im Dezember 2009 ein. 

Zunächst muss ich ein wenig weiter ausholen. Während meines Ägypten-Urlaubs im Frühjahr 2008 hatte ich Olga kennen, später auch lieben gelernt. Nach zwei gemeinsamen Urlauben in der Türkei im Frühjahr sowie Herbst 2009 lud mich Olga dann in ihre Heimat ein. Sie wohnt allerdings nicht in Moskau oder St. Petersburg, sondern in Perm (Sibirien).
Perm? Vermutlich hat der eine oder andere von euch den Namen dieser Stadt noch nie gehört, korrekt? Perm gehört mit gut einer Million Einwohnern zu den größeren Städten Russlands und ist am Uralgebirge gelegen. Jenem Gebirge an der westlichen Grenze Sibiriens, dass Europa und Asien trennt. 4.000 Kilometer entfernt von Rheda-Wiedenbrück. Ein Trip mitten im Winter nach Sibirien? Hörte sich für mich genauso abenteuerlich wie sexy an! Natürlich nahm ich die Einladung an.

Reisepass? Check

Visum für Russland? Check

Klamotten für etwas kühlere Temperaturen? Check


Ein paar Tage vor meinem geplanten Hinflug dann jedoch ein Anruf von einer in großer Sorge geratenen Olga. „Martin, ich muss dir leider mitteilen, dass es hier momentan sehr, sehr kalt ist. Wir haben selbst für unsere Verhältnisse extreme Temperaturen und in den nächsten Tagen soll es gar noch kälter werden“.

Hallo...? Was dachte Olga? Dass wir in Deutschland ähnliche softe Winter wie in Ägypten oder in der Türkei haben? Ich bin doch kein Weichei! Handschuhe, Mütze und Schal waren im Koffer und sie solle sich mal bitte keine Sorgen um mich machen, teilte ich ihr mit.

Einen Direktflug nach Perm von Deutschland gibt es nicht. Es ging über Moskau. Und den ersten Begrüßungsschock bekam ich direkt nach der Landung auf dem Flughafen Domodedovo. Als ich das Flughafengebäude verließ um eine Zigarette zu rauchen, wurde ich dort bei satten -20 Grad empfangen. Das allein wäre nicht mal ganz so schlimm gewesen, wenn dazu nicht auch noch der stramme Ostwind gepfiffen hätte! Upps…zum ersten Male merkte ich, dass ich die Temperatur vielleicht doch ein ganz klein wenig unterschätzt hatte. Um es aber mal direkt vorweg zu nehmen…das war der erste Anfang und ein allererste Vorbote. Es sollte noch wesentlich heftiger werden!
Auf dem zweitgrößten Flughafen Moskaus hatte ich dann etwas mehr als 7 Stunden Aufenthalt bis zu meinem Weiterflug nach Perm. Diese 7 Stunden sollten, so würde ich im Nachhinein sagen, mit die aufregendsten Stunden in meinem ganzen Leben werden. Aber dazu dann vielleicht mal mehr in einem anderen Blogeintrag. In jedem Fall ging es abends um kurz nach 22 Uhr pünktlich weiter Richtung Sibirien, wo mich Olga kurz vor Mitternacht in Empfang nehmen würde.

Flughafen Moskau Domodedovo 

Kurz nach der Landung in Perm dann gleich die nächsten Überraschungen. Nie zuvor im Leben war ich auf einem kleineren Flughafen. Selbst der Baby-Bahnhof unserer Kleinstadt Rheda-Wiedenbrück war größer. Und der Raum, wo die Gepäckstücke einrollten, war kleiner als mein eigenes Wohnzimmer! Die Hauptsache war: Mein Koffer war da…im Gegensatz jedoch zu Olga. Dies war allerdings nicht wirklich eine Überraschung, denn mit Pünktlichkeit hatte sie es nicht so.
Das Gepäck-Zentrum am Airport in Perm -
definitiv kleiner als manch Wohnzimmer :) 
Nun stand ich mitten in der Nacht als einziger nicht abgeholter Passagier vor dem Terminal eines gottverlassenen sibirischen Flughafens. Und dies bei Außentemperaturen von -28 C, also nochmals einen gewaltigen Schub kühler als in Moskau! 

Ich musste aber nicht lange warten. 15 Minuten später war Olga mit dem angeheuerten Fahrer da um mich abzuholen. Nachdem ich meine Sachen in den Kofferraum packte und wir losfuhren, dauerte es nicht mal zwei Minuten, bis ein Polizeiwagen uns überholte und anhielt. KGB? Wir wurden in jedem Fall komplett gecheckt und der Fahrer musste eine Strafe bezahlen, weil er mit seinem Auto gar nicht in diesen (Flughafen-) Bezirk durfte, dafür eine spezielle Lizenz benötigt hätte. Es waren nur 10 Euro und ich übernahm die Kosten, nachdem uns der Chauffeur sicher zu unserem für knapp 2 Wochen im Zentrum Perms gelegenen Apartment gebracht hatte. Das Anmieten dieses Studio-Apartments machte in jedem Fall Sinn! Einerseits wohnte Olga recht weit außerhalb vom Stadtkern, andererseits mit ihrer 4-köpfigen Familie in einer schnuckeligen 50m² Wohnung. Da war mir das Risiko eines Lagerkollers dann doch zu hoch.
 Unser Studio war nicht nur ideal gelegen, sondern auch komplett möbliert und mit allem ausgestattet, was man sich wünschen konnte. Exklusive Küche, schnelles W-LAN und dazu noch ein mega geiler Blick über die Stadt, denn die Wohnung lag im 9. Stock eines Plattenbaus.


Perm-Zentrum. Unser Studio-Apartment lag im 9. Stock. 
Als wir am nächsten Morgen das Haus verließen, bekam ich den ersten Vollschock! Es war -30 C. Die Kälte zog wirklich durch alle Öffnungen und erreichte meinen kompletten Körper. Nach 2 Minuten war ich komplett unterkühlt. Ich merkte, dass ich kleidungstechnisch definitiv nicht passend gewappnet war und ganz dringend aufrüsten musste. Eine Thermo-Unterhose, dicke Wollsocken und eine zwar nicht so stylische, aber dafür wesentlich effektivere Kopfbedeckung standen ganz oben auf der Shoppingliste und waren auch schnell erworben. Meine Kleidung, wenn ich rausging, sah jetzt so aus ▶

Unterkörper
: Ein paar Kniestrümpfe, darüber ein paar dicke warme Wollstrümpfe, warm haltende Winterschuhe, Unterhose, eine lange Thermo-Unterhose, normale Hose
Oberkörper: Unterhemd, T-Shirt, darüber ein warm haltendes Thermo-Shirt, darüber einen Hoddie und darüber dann meine Winterjacke, Handschuhe
Kopf: Schal, russische Wintermütze + Gesichtsbedeckung (ganz wichtig!)


Seit der Reise definitiv Russland-Fan
Mit der passenden Kopf-Bekleidung geht alles...!

Über diese knallharten Minusgrade zu schreiben, ist gar nicht so einfach. Richtig nachvollziehen können es vermutlich nur diejenigen, die bereits selbst mal ähnlich krasse Temperaturen miterlebt haben. Es war einfach unfassbar kalt und trotz der guten Schutzkleidung erreichte die Kälte mühelos und blitzschnell alle Körperteile. Aber es war erst der Anfang. In den TV-Nachrichten der Region wurde bereits gewarnt, dass es in den nächsten Tagen nochmals richtig anziehen würde! Oh mein Gott. 

Und es wurde in der Tat noch frischer: -32 C, -35 C, -40 Grad. Man konnte es draußen jetzt wirklich nur noch maximal 5-10 Minuten aushalten. Länger war auch nicht wirklich empfohlen, wollte man dem Tod nicht direkt ins Auge blicken. Das Einatmen ging jetzt nur noch durch die Nase, da die Lunge beim Einatmen durch den Mund schmerzte. Dennoch, so würde ich heutzutage sagen, war es die mit Abstand geilste Luft, die ich jemals in meinem Leben eingeatmet habe…der Satz hört sich zwar irgendwie komisch an, aber anders kann ich es nicht beschreiben. Nie vergessen werde ich auch die Momente, wenn wir nach 10 Minuten draußen irgendwo einkehrten. Wenn sich die Hände und Füße, dann der gesamte Körper etwas aufwärmte und das Blut in den Adern und Venen wieder spürbar war. Ein zunächst schmerzliches, dann jedoch überaus angenehmes Gefühl stellte sich ein, löste gar Glückshormone in mir aus.

Aber es gab auch Probleme. Als erstes machte die Heizung in unserer Wohnung die Grätsche. Natürlich nicht nur bei uns, sondern in den anderen Wohnungen auch. Das Wasser war gefroren und lief nicht mehr durch die Leitungen. Gott sei Dank brachte der Vermieter unseres Studios sehr zeitnah zwei Power Elektro-Standheizungen (eine fürs Schlafzimmer und eine fürs Wohnzimmer). Puh...Schwein gehabt! Es gibt auch nette und tolle Vermieter!

Als nächstes gab die Hydraulik des Aufzugs in unserem Plattenbau der Kälte nach und somit den Geist auf. Treppen steigen war angesagt und ich verfluchte die schöne Aussicht im 9. Stock! Hätten wir uns doch für das Studio im zweiten Stock entschieden. Ich weiß gar nicht, ob ich heutzutage überhaupt noch in der Lage wäre, zwei schwere Einkaufstüten in den 9. Stock zu schleppen? Sehr wahrscheinlich nicht.

Man sah jetzt auch kaum noch Autos auf den Straßen. Sie sprangen einfach nicht mehr an. Minusrekord war dann -43 C! Selbst in Perm kommt so ein strenger Winter nur 2-3 Mal in 100 Jahren vor. Ich war dabei. Immer wieder kam mir der Gedanke hoch, wie Menschen, die noch 3.000 Km weiter östlich wohnen bei Temperaturen um die 50-60 Grad unter Null überhaupt (über-) leben können. Vermutlich, weil sie einfach eine andere Genstruktur haben.

Nun ja, es wurde dann Tag für Tag etwas ‘wärmer‘. Bei meinem Rückflug war es dann “nur“ noch -33 C. Ein wenig bange war mir schon. Der Abflug war bereits zweimal verschoben worden, weil die Tragflächen immer wieder aufs Neue enteist werden mussten. Die Verantwortlichen schauten auch nicht gerade optimistisch aus. Aber es lief alles glatt und gute zwei Stunden später landete ich wieder in Moskau. Die -5 C dort empfand ich dann fast wie das Betreten einer Sauna...kein Witz!


Rückflug aus Perm bei - 33 C 
Ein Jahr später unternahm ich dann direkt meinen zweiten Trip nach Perm. Es war bei weitem nicht mehr so kalt und die Maximum Minus-Temperatur betrug lediglich -28 C...irgendwie schade eigentlich!

Ps.: Die Sommer in Perm und Umgebung werden übrigens verdammt heiß! Wesentlich wärmer als bei uns. Wochenlange Temperaturen um die 35C/40C und ein azurblauer Himmel ist völlig normal. 

Samstag, Februar 10, 2018

Potti in Vegas am & im Limit (Teil 3)


http://pottis-poker-blog.blogspot.de/2018/01/potti-in-vegas-am-im-limit-teil-1.html  (Teil 1) 
http://pottis-poker-blog.blogspot.de/2018/01/potti-in-vegas-am-im-limit-teil-2.html  (Teil 2) 

Hört sich alles sehr gut und nach einem Traumleben an, nicht wahr? War es auch. Wenn, ja wenn nicht zwischendurch ein gewisser Mr. DOWNSWING vorbeikam und Hallo sagte… 

Dass immer wieder eine Verlustsession dabei sein würde, darüber war ich mir von Anfang an bewusst. Es musste so sein. Wenn nämlich die guten Spieler beim Poker permanent gewinnen und die Schwachen immer verlieren würden, dann wäre das Spiel nicht so populär und es würde vermutlich bald aussterben. Die ständigen Verlierer würden es recht schnell satt sein und aufgeben.
Aber Asse gewinnen beim Poker Gott sei Dank nun mal nicht zu 100% gegen die Könige, sondern statistisch betrachtet eben nur zu 80%, sprich 4 von 5 mal. Und ich lebte sehr gut davon, dass die Gegner bis zum River mitgingen um ihren Kicker oder ihren Bauchschuß zur Straße auf wundersame Weise zu treffen. Hier und da trafen sie dann auch. Aber dann gab es eben diese Tage, an denen einfach nichts zusammenlief und die passenden Riverkarten für die Gegner in Serie reinrauschten. 

Auch wenn solche Tage mit einem Verlust von 300$ mir verständlicherweise keine gute Laune bereiteten, so machte es mir mental keine Sorgen. Auch finanziell bemerkte ich diese Rückschritte nicht mehr so arg, da meine Bankroll mittlerweile angewachsen war.

Der zweite Verlusttag hintereinander war dann schon nicht mehr ganz so ohne. Immerhin waren dann schon 600$ weg und man ging zudem die zweite Nacht in Folge mit unruhigen Gedanken schlafen. Ich weiß nicht, wie es den anderen Profis erging, aber ich fing zumindest an zu grübeln.

Drei Verlusttage in Serie kamen Gott sei Dank nicht so häufig vor, aber es wäre gelogen, wenn ich nicht zugeben würde, dass es auch diese Sequenzen gab. Nicht nur, dass mittlerweile knapp 1.000$ im Budget fehlten, ich fing zudem an mir Sorgen zu machen und mir Fragen zu stellen! Hatten sich vielleicht einige kleine Schwächen in meinem Spiel eingestellt, die ich nicht bemerkte? Waren die Gegner stärker geworden und das Spiel nicht mehr so lukrativ wie zuvor? Oder war ich die vergangenen Monate über wirklich nur “lucky“ und hatte übermäßig gut getroffen? Oder war es schlicht weg nur eine temporäre Negativvarianz, welche man aussitzen mußte? 

Der perfekte Graph!
Zwischendurch aber immer mal leichte Rückschläge
Es war sicherlich eine Mischung aus allen Faktoren. In jedem Fall aber traf ich damals instinktiv eine Entscheidung, die mir im Nachhinein betrachtet wohl den Arsch rettete. Denn so viele sehr gute Pokerprofis hatte ich in Vegas kennengelernt, die mit der Zeit einfach ‘ihr Spiel verloren‘ und dann schnurstracks und meist ungebremst in den Abgrund stürzten. 

Ich traf die Entscheidung, nach drei Verlusttagen in Serie pauschal einen kompletten Tag Pause einzulegen. Anstatt mich nachmittags wie gewohnt 2-3 Stunden an den Pool zu liegen, verbrachte ich dann 6 Stunden dort. Ich schaute nochmals in meine Pokerbücher um das eine oder andere nachzulesen. Abends gönnte ich mir dann den Luxus eine schöne Show anzuschauen oder setzte mich stundenlang an einen Pai-Gow Tisch und genehmigte mir den einen oder anderen Rum & Coke. So hatte ich Zeit a) mich abzulenken und b) auch über mein Spiel reflektierend nachzudenken um alles wieder auf Null zu stellen. Am Folgetag ging es dann mental gestärkt und motiviert an die Arbeitsstätte zurück. In der Regel funktionierte dieses Vorgehen auch und ich landete direkt wieder in der Erfolgsspur.

2 x in insgesamt 3 Jahren funktionierte allerdings auch das nicht. Ich fuhr weitere Minussessions nach meinem Ruhetag ein. Und das war für mich das Alarmsignal, gleich mehrere Tage Pause zu machen. Ich war hier vom Erfolg abhängig und es gab keinen Plan B. Ich mußte wieder in die Spur kommen! Ich weiß nicht, ob es reiner Zufall war, aber der Weg, den ich dann ging, funktionierte. Ich packte meine Klüngel für ein paar Tage zusammen, fuhr nach San Diego und machte gleich 4-5 Tage komplette Poker-Auszeit.

Ich hatte San Diego mit Klaus und seinem Pokerbuddy Zorn bei einem gemeinsamen Trip durch Kalifornien kennengelernt und hatte mich in die City schockverliebt. Nie zuvor hatte ich eine schönere Stadt gesehen. Die Innenstadt mit seiner wunderschönen Architektur. Direkt nahe gelegenen der Balboa-Park und wiederum daran gelegen Sea-World mit seinen Attraktionen nebst dem schönsten Zoo der Welt. Was mich an San Diego jedoch am meisten faszinierte, war die Gegend und die Atmosphäre des Vororts La Jolla, etwas nördlich gelegen von der Stadtmitte. Das Strandleben dort und die ganze Stimmung waren für mich der ultimative Inbegriff für Freiheit und Unbekümmertheit. Ich konnte dort tagelang in einem Cafe an der Strandpromenade sitzen, die Action am Broadwalk sowie die gewaltigen Wellen des Pazifiks beobachten und das Meeresrauschen genießen. Ich nahm mir ein kleines Motelzimmer und ließ die Seele einfach baumeln. Kein Poker, keine Bad Beats, kein ständiges Daddeln der Automaten. Und vor allen Dingen war es auch mal schön der Wüstenhitze für ein paar Tage zu entfliehen. In San Diego herrscht nämlich das perfekte Klima. Das ganze Jahr über Temperaturen um die 25 C gepaart mit einem leichten Wind.
Mission Boulevard in La Jolla (San Diego) 
Den ersten Trip machte ich allein. Ich mietete mir ein Auto und fuhr los. Nach 5 Tagen Kurzurlaub kam ich ich mega frisch erholt und bis in die Haarspitzen motiviert wieder zurück zur Arbeit. Und von Beginn an lief es wieder wie am Schnürchen. Ich hatte einen ganz anderen und glasklaren Blick auf die Situationen am Tisch. Back on track!

Meine zweite ‘San Diego-Heilkur‘ etliche Monate später, als ich auch mal wieder massiv überspielt war und dringendst eine Auszeit brauchte, unternahm ich mit Yuna. Yuna kam aus Taiwan, lebte aber bereits seit geraumer Zeit in den USA. Sie war ein wenig jünger als ich und Black-Jack Dealerin in der Barbary Coast. Kennengelernt hatte ich die bildhübsche Asiatin natürlich auch beim Poker, ihrer großen Leidenschaft. Nach gemeinsamen Sessions gingen wir ab und an essen. Als sie davon hörte, dass ich ein paar Tage nach Kalifornien fahren würde, fragte sie mich, ob sie mich begleiten dürfe. Sie hätte derzeit Urlaub. Natürlich durfte sie mich begleiten
💕 Auch von diesem Kurzurlaub kam ich tiefenentspannt und hungrig nach Vegas zurück.

Einen dritten Trip nach San Diego unternahm ich im Frühjahr 1994 zusammen mit Jessica. Das war allerdings nicht, weil ich mich dringend mal wieder sammeln mußte und vom Pokern eine Auszeit benötigte, sondern es war ein reiner Luxusurlaub…mit Begleitung. Jessica hatte ich am Pool von Binions Horseshoe kennengelernt, wo sie sich während ihres Studiums als Life-Guard ein paar Dollar dazuverdiente. Über die Zeit mit ihr, über die Woche in San Diego und wie diese Liason ausging, darüber werde ich einen Extra-Blog anfertigen.

In jedem Fall kam ich nach allen drei Trips frei im Kopf wieder nach Las Vegas zurück. Und es machte sich jedes einzelne Mal auch direkt in den Ergebnissen an den Tischen bemerkbar. Mit der Zeit hatte ich meine Bankroll immer weiter aufgebaut. Es reichte zwischendurch sogar für zwei Trips zurück in die Heimat nach Deutschland, wo ich meine Familie & Freunde wiedersah und ein wenig angespartes Geld abladen konnte. Aber ganz lange konnte ich es dann im beschaulichen Ostwestfalen doch nicht mehr aushalten. Wenn man in einer Metropole wie Las Vegas lebte und sich dort zudem pudelwohl fühlte, dann fiel es schwer in einer westfälischen Kleinstadt wie Wiedenbrück klarzukommen. Es ging immer schnell wieder zurück in die Wüste!

Im Frühjahr 1993 war ich on Top of my game. In einer Phase hatte ich eine Serie von 29 gewonnenen Sessions in Folge. Ich strotzte zu jenen Zeiten vor Selbstbewußtsein und ging an die Tische in der Tat nicht mehr mit der Frage, ob ich gewinnen würde, sondern wieviel es sein würde. Ich fühlte mich unbesiegbar! Ich kann mich noch gut an einen Tag erinnern – ich hatte zu dem Zeitpunkt in oben angesprochener Serie knapp über 20 Sessions nacheinander gewonnen – als mal gar nichts lief. Ich war Sonntagsnachmittags ins Mirage Casino gekommen. Da am 6/12$ Tisch noch kein Platz frei war, begann ich im 3/6$ Limit um die Wartezeit zu überbrücken. Am besagten Tag lief zunächst nichts zusammen. Ich konnte auf wundersame Weise keinen einzelnen Pot gewinnen. Zwei Stunden vergingen und ich war bereits 100$ hinten. In so einer Phase, obwohl ich bereits längst ausgerufen wurde fürs  6/12$, wechselte ich dann nicht ins höhere Limit. Ich blieb am Tisch. 6 Stunden vergingen, mittlerweile war ich 200$ im Brand, und ich wartete immer noch auf meinen allerersten Pott. Aber was ich auch machte, es sollte am River immer die passende Karte für die Gegner kommen. 10 Stunden um und schon knapp über 300$ im Minus…es sollte einfach nicht sein. Normalerweise hörte ich dann ja auf. Aber da ich eben diese lange Serie von gewonnenen Sessions in Serie nicht abreißen lassen wollte, spielte ich ausnahmsweise weiter. Nach 11 Stunden (!), bei 25-30 gedealten Händen pro Stunde also nach ca. 300 Händen, gewann ich meinen ersten kleinen Babypott! Das Eis war endlich gebrochen.

Und auch, wenn es sehr schwer zu glauben ist…ich schwöre, dass es wahr ist! Ich spielte dann durch bis zum Dienstagabend, bis ich endlich ins Plus drehte. 48 Stunden, unterbrochen nur durch einige kurze Auszeiten am Buffet und einem guten Dutzend an Toilettengängen, saß ich auf dem gleichen Platz in der Hoffnung meine Serie von Gewinnsessions nicht abreißen zu lassen. Es gelang mir! Als ich genau einen Dollar (!) vorn war,  packte ich völlig übermüdet und groggy meine Klüngel zusammen, nahm mir ein Taxi und fuhr nach Hause. Jener darauffolgende Mittwoch im Frühjahr 1993 ist dann auch der einzige Tag in meinem ganzen Leben, der mir fehlt! Ich habe ihn einfach übersprungen, da ich komplett durchgeschlafen habe. Unterbrochen von 2-3 Pippipausen ging ich an einem Dienstagabend ins Bett und wachte am Donnerstag morgen nach knapp 30 Stunden auf. Es war überaus komisch für den Kopf…!

Ich spielte in dieser Top-Phase überwiegend 6/12$ im Mirage, machte nun aber regelmäßig Ausflüge ins 10/20$ Spiel. Zuweilen und wenn ich viele schwache Spieler im Limit darüber entdeckte oder wenn ich Tipps von Freunden bekam, dass sich an gewissen Tischen außerordentlich viele Flop-neugierige Touristen befanden, wagte ich an den Wochenenden gar Ausflüge ins 20/40$ Spiel. Ich wollte irgendwann in den hohen Limits mitmischen und dafür mußte ich mich so langsam annähern und Risiken eingehen.

In diesen höheren Limits stellte ich folgende Sachen fest:

1. Die guten Gegner, die es zwar auch in den unteren Limits gab, waren in den höheren Limits definitiv spielstärker. Sie spielten wesentlich aggressiver und variantenreicher.

2.
Es waren im Schnitt weniger schwache Gegner an den Tischen. Statt drei  oder vier Fischen pro Tisch gab es nun mehr höchstens noch einen oder 2 Spieler, weswegen es sich lohnte. Und selbst diese schwächeren Gegner waren zuweilen auch noch trickreich.

3.
Naturgemäß waren die Pötte jetzt wesentlich größer. Im 10/20$ Limit beliefen sich die Pötte im Schnitt auf ca. 150$, die Großen teilweise auf über 300$. Im 20/40$ entsprechend doppelt so hoch. Und bei ca. 25 gespielten Händen pro Stunde waren die Swings natürlich riesig. Selbstverständlich war es für den Geldbeutel nun sehr effizient eine erfolgreiche Session zu haben. Aber entsprechend schlugen Verlustsessions auch richtig heftig ins Kontor…und auch aufs Gemüt. Ich fühlte mich in den höheren Limits nicht sonderlich wohl und häufig unentspannt!

4.
Ich bemerkte zudem, dass ich mit meinem relativ tighten und soliden Spiel nicht so wie erwartet klar kam in den höheren Limits. In den kleineren Limits waren immer noch 2-3 Gegner am River dabei und ich bekam die Siegerhände entsprechend gut ausbezahlt. In den höheren Regionen jedoch war man am River meist nur noch Heads-Up…sofern es denn überhaupt bis zur Riverkarte ging! Ich mußte mein Spiel ein wenig umstellen, da die Blinds einfach zu häufig vorbeikamen. Und somit fing ich an, aus den hinteren Positionen die Spieler im Small und Big Blind auch mit nicht so stabilen Starthänden anzugreifen…und bluffte mehr zum Ausbalancieren meines Spiels.

Fakt war, dass ich nach 8–10 Wochen, in denen ich überwiegend in den höheren Limits aktiv war, unterm Strich zwar einen minimalen Gewinn aufwies. Wenn ich dieses Mini-Plus jedoch durch die investierten Stunden teilte, so war das Ergebnis eine absolute  Vollkatastrophe! Da wären alle Gewerkschaften, die hierzulande in Sachen Mindestlohn aktiv sind, auf die Barrikaden gegangen. Und meine Kosten waren ja gleich hoch geblieben. Mittlerweile eher sogar noch höher, da ich mir im Vergleich zur Anfangsphase in Vegas mittlerweile wesentlich mehr Freizeitaktivitäten gönnte wie Abende beim Basketball, regelmäßige Besuche von Boxveranstaltungen und Shows. Meine Bankroll war zwar noch nicht ernsthaft in Gefahr, aber ich wollte definitiv kein Risiko eingehen. Daher beschloß ich, in den Limits vorerst wieder runter zu gehen. Wieder in die Limits zurückzukehren, in denen ich mich zwei Jahre lang so pudelwohl fühlte und die ich mit verbundenen Augen schlug!

Dann geschah jedoch etwas, was vielleicht nur Pokerspieler nachvollziehen können, die ebenfalls mal Limitwechsel nach unten begangen haben. Ich kam mittlerweile auch in ‘meinem‘ Stammlimit nicht mehr klar! Ich hatte durch den monatelangen Ausflug in die höheren Regionen, in denen ich notgedrungen auch mein Spiel verändert und angepasst hatte, mein erfolgreiches und effizientes Spiel verloren! Ich spielte zu viele Hände, verteidigte meine Blinds zu häufig und vor allen Dingen bluffte ich viel zu viel. Anstatt einfach wieder zu meiner soliden und gewinnträchtigen Strategie zurückzukehren (leichter gesagt als getan!), versuchte ich meine Gegner in diesen Limits auszuspielen.

Ich hatte den Respekt vor den kleineren Einsätzen verloren. Und meine Gegner dann auch peu á peu vor mir! Waren meine Gegner 10 Wochen zuvor noch vor Ehrfurcht fast erstarrt, wenn ich mich an den Tisch setzte, so merkten sie nun, dass auch ich zu schlagen war. Ich bekam meine Steals nicht mehr durch, bekam zusehends Gegenwehr. Mein Image war zerstört. Und das machte sich dann leider auch sehr schnell & negativ in den Ergebnissen bemerkbar!


Ich lebte nun zwei Jahre in Vegas. In der Stadt, wohin viele fuhren einfach nur um Urlaub zu machen! Und dafür viel Geld ausgaben. Eine traumhafte Zeit lag hinter mir...es war schöner als ich es mir zu Beginn des Trips in meinen kühnsten Träumen überhaupt vorgestellt hatte. Zwei Jahre lang hatte ich keinen einzigen Verlustmonat an den Pokertischen! Ich konnte meine Finanzreserven bis auf leichte Rückschläge quasi permanent ausbauen. Und nun, nach 4 überaus durchwachsenen Monaten am Stück, hatte ich nicht nur meinen ersten Verlustmonat zu verzeichnen und mein Mindset war gehörig ins Wanken geraten, sondern auch in meine Bankroll war eine gewaltige Schneise gefräst worden! Zudem, und das war wohl das allergrößte Problem, hatte ich mein Spiel nicht mehr zusammen. Das Unternehmen stand erstmals in Gefahr, in großer Gefahr!
Dann, im Sommer 1993, kam Gott sei Dank eine Nacht in Binions Horseshoe, die alles, aber auch wirklich alles komplett verändern sollte…

To be continued…      

Mittwoch, Januar 31, 2018

Potti in Vegas am & im Limit (Teil 2)

Teil 1: siehe weiter unten

...am darauffolgenden Tag durfte ich Klaus zum allerersten Mal zu einer Highroller-Partie im Mirage Casino begleiten! Ich durfte hinter ihm sitzen und ihm die ganze Session über in die Karten schauen. Ich bemerkte schnell, dass das Pokerspiel, was ich bis zu diesem Zeitpunkt in den Micro-Limits im El Cortez, im Fremont Casino oder im Binions Downtown betrieb, nichts mit dem Spiel zu tun hatte, was ich in jener 75/150$ Limit-Holdem Partie zu sehen bekam…und ich lernte schnell…ein neuer Lebensabschnitt sollte beginnen!

Klaus erhöhte mit Karten, speziell in den hinteren Positionen nähe des Buttons, mit denen ich nicht ansatzweise daran gedacht hätte auch nur einen einzelnen Chip über die Linie zu setzen und wie ich es vor allen Dingen auch nicht in den Büchern gelesen und gelernt hatte. In den vorderen Positionen hingegen schmiß er Hände weg, mit denen ich bislang immer dabei war und mit denen ich zumindest sehen wollte, was der Flop bringt.
Der allergrößte Unterschied in diesem Highroller-Spiel jedoch war, dass die Chips einfach sehr tief und wahnsinnig schnell flogen. Es wurde geraised und gereraised, als gäbe es kein Morgen mehr. Spekulative Hände wie Flush- oder Straight Draws wurden am Flop so gespielt, als wenn der Flush bzw. die Straße bereits fertig war. Eine solche Aggression kannte ich bislang nicht und hatte ich auch nie für möglich gehalten.

Ich schaute bei diesen hohen Partien so oft und intensiv zu wie ich nur konnte und versuchte wirklich alles aufzusaugen. Jedes einzelne Detail. Ich studierte nicht nur das Spielverhalten von Klaus, sondern ich beobachtete auch die Moves seiner Gegner. Mit welchen Händen die Profis in welchen Positionen spielten und vor allen Dingen auch wie sie diese Hände spielten. Wie die Jungs es schafften, mit geschickten Check-Raises in Multi-Way Pots möglichst viele Chips in den Pot zu kriegen. Oder eben auch das nur das Minimum mir der zweitbesten Hand verloren. Selbst die Art und Weise sowie der Geschwindigkeit, mit denen sie Maschinengewehr-Like ihre Chips bei Raises in gleich hohen Stapeln in die Mitte bekamen, machte gewaltigen Eindruck auf mich und ich versuchte dies zu adaptieren.

Mit einer Sache, die ich dort bemerkte, kam ich jedoch gar nicht klar und wollte ich auch irgendwie nicht klarkommen. Die Spieler, nachdem sie gerade einen Pot mit 1.200$ oder noch mehr gewonnen hatten, gaben nicht einmal 1 einzelnen Dollar oder zumindest 50 Cent an den Dealer! Selbst in den kleinen Baby-Limits, in denen ich bis dato aktiv war, war das Trinkgeld höher als hier bei den Riesenpötten, wo es von grünen 25$ Chips nur so wimmelte.
Das sah ich nicht ein und blieb bei meiner Trinkgeldhöhe von mindestens 50 Cent bei gewonnenen Pötten bis 20$. Zwischen 20$ und 50$ gab ich 1$ Trinkgeld und wenn sie noch größer waren, dann schob ich auch mal 2$ rüber. Genau das sollte später nochmals zu heftigen Diskussionen und fast zu einem Streit im Klaus führen.  

Die Dealer machten einen ausgezeichneten Job und mussten sich von
etlichen Spielern auch eine Menge gefallen lassen
  

Es war, als wäre ich quasi über Nacht von einem mittelmäßigen Bezirksligaspieler zu einem soliden Regionalligaspieler gereift. Und um es vorweg zu nehmen…es sollte später noch 1-2 Ligen höher gehen! All das, was ich hier bei den Highrollern sah, integrierte ich in mein Spiel und es funktionierte bestens! Aufgrund der Aggressivität bei Draws, die eben häufig nicht ankommen, gewann ich nun Pötte am Turn oder River, die ich vorher niemals gewonnen hätte. Eben weil die Leute auch mal ihre Hand weglegten, wenn ich die geplatzten Draws durchfeuerte. Zudem sparte ich Geld in den Blinds und in den vorderen Positionen, weil ich mit bestimmten Problemhänden erst gar in Versuchung kam. Und ich war zudem auch in der Lage Hände zu passen, wenn es eben sehr offenkundig war, dass ich nur die zweitbeste Hand hielt. Früher musste ich mich mit dem Bezahlen am River zumindest immer noch davon vergewissern. All das machte sich sehr schnell auch im Geldbeutel bemerkbar und ich strich Gewinne in meinen Sessions ein, die so hoch waren wie nie zuvor. Ich spielte ein paar Monate fast ausschließlich im 3/6$ Limit im Mirage und gewann ca. 80-85% meiner Sessions. Über jede einzelne Session wurde Buch geführt (Dauer der Session & Nettogewinn) und nach 3 Monaten kam ich auf eine Gewinnerwartung von ca. 12$ pro Stunde. Das hieß…je mehr und länger ich spielte, desto höher wurde mein Gewinn. Und ich ballerte richtig Zeit rein! Jeden Tag im Schnitt so um die 8-10 Stunden.  

Klaus setzte sich hin und wieder noch hinter mich und kontrollierte mein Spiel. Er war mit dem, was er sah, überaus zufrieden und lobte mich...war glaube ich sogar stolz auf mich. Hier und da gab er mir noch weitere kleine Tipps. Aber speziell mit meiner Handauswahl vor dem Flop und der Art und Weise, wie ich die Hände spielte, war er zu 100% einverstanden. Meine Bankroll wuchs und wuchs. Nach bereits einigen Monaten hatte ich so viel Geld zusammen, dass ich selbst eine Pechsträhne bzw. etliche Verlustsitzungen in Serie locker hätte kompensieren können. Glücksgefühle stellten sich bei mir ein. Ich war dem Ziel, meinen Lebensunterhalt in Las Vegas mit dem Pokerspiel zu bestreiten, sehr viel näher gekommen. Vielleicht war ich sogar bereits angekommen. Es war nun so langsam an der Zeit das nächsthöhere Limit in Angriff zu nehmen.

Im Mirage wäre dies das 6/12$ gewesen. Eine Verdoppelung der Einsätze aber traute ich mir noch nicht zu, zumal die Gegner an diesen Tischen auch wesentlich stärker waren. Das 4/8$ Spiel Downtown in Binions Horseshoe schien mir passend, auch wenn ich mir bewusst war, dass dort wesentlich mehr lokale Spieler und somit auch mehr Profis an den Tischen zugegen waren. Die Touristen zockten nun mal hauptsächlich am Strip in den großen Casinos. Der Aufwand nach Downtown zu kommen, war ebenfalls ungleich höher, denn die Busfahrt dauerte ca. eine halbe Stunde. Aber dennoch schien mir dieser Weg der Richtige zu sein. So fuhr ich die kommenden Wochen die 6-7 KM täglich am frühen Abend mit dem Bus Richtung Downtown und nachts wieder zurück.

Oben links in der Ecke der Polo Club. Nach Downtown LV war es ein Stückchen

Von der ersten Session an merkte ich, dass ich mich im 4/8$ Limit wohl fühlte. Mit meiner Spielweise kam ich auch hier im Horseshoe, wo vor langer Zeit Las Vegas entstand und wo schon legendäre Pokerduelle ausgetragen wurden, gegen die Konkurrenz prima zurecht. Die Pötte wurden mit 40-50$ im Schnitt jetzt wesentlich fetter und die Swings somit ebenfalls größer. Gewinne von 200-300$ pro Session, aber eben auch Verluste in ähnlicher Höhe waren nun an der Tagesordnung. 

Wenn ich “zur Arbeit“ ging, nahm ich grundsätzlich immer nur 300$ mit. Wenn ich dieses Geld verloren hatte, so dachte ich mir, dann würde es meist auch sehr schwer sein eine Wende hinzukriegen. Denn die Gegner waren dann in diesem Moment durchschnittlich ja gut im Plus und spielten dann eher solide und geduldiger – einfach besser -  während ich mich dann auch manchmal dabei ertappte, dem Geld ein wenig hinterher zu laufen und auch mal schlechte Calls einzustreuen. Wenn also 300$ weg waren, dann schloß ich den Tag ab, strich den Verlust zähneknirschend ein und ging heim.

Hinsichtlich der potentiellen Tagesgewinne erstellte ich mir ebenfalls eine eigene Strategie, mit der ich ausgezeichnet fuhr. Grundsätzlich spielte ich erst einmal solange, wie ich mich a) gut und frisch fühlte sowie b) der Tisch mir zusagte, sprich nicht zu viele starke Spieler daran saßen. 1-2 Touristen bzw. schwächere Gegner sollten schon immer mindestens dabei sein.
Zudem setzte ich mir im Vorfeld jeder Session einen Zielgewinn. Dieser lag bei 30 Big Bets, was im 4/8$ Limit also 240$ Gewinn machte. Sobald ich dieses Ziel erreichte, ich aber noch nicht müde war und auch der Tisch noch gut war, spielte ich zwar weiter, aber ich setzte mir eine 30% Stop-Loss Regel. Bedeutet, dass ich aufhörte, wenn ich 30% meines Gewinns wieder zurückgab. Im obigen Beispiel hätte ich also aufgehört, wenn ich von den 240$ Gewinn 72$ zurückverloren hätte. Die Stop-Loss Regel zog ich nach oben hin natürlich immer an, so dass bei richtig gutem Lauf nach oben hin keine Grenzen gesetzt waren. Tagesgewinne von selbst 600/700$ kamen somit ebenfalls ab und an vor.

Bis heute kann ich die Denkweise der sogenannten “Hit & Run“ Spieler nicht nachvollziehen. Diese “Hit & Run“ Spieler, die es nicht nur damals in Las Vegas reichlich gab, sondern die ich auch heute beim Poker oder in den Casinos beim Roulette oder Black Jack regelmäßig sehe. Sie gewinnen 1-2 Pötte beim Poker und hören dann sofort auf. Es reicht ihnen. Oder die Leute spielen Roulette, treffen ihre Zahl und hören direkt auf! Woher um Himmels Willen wollen die Menschen denn wissen, ob es nicht “ihre Nacht“ werden würde und der Glücksgott nicht noch viel länger und intensiver auf ihrer Seite steht? Ich kann diese von mir angewendete Strategie daher wirklich jedem wärmstens empfehlen! Nicht nur am Pokertisch, sondern auch in anderen Lebenssituationen…z.B. beim Spekulieren mit Aktien. Ich war dann später sogar so verpeilt, dass ich diese 30% Stop-Loss Regel auch auf meine Beziehungen angewendet habe 😎 Das würde ich jedoch keinem anraten, denn 30% Rückschritt nach der ersten Verliebt-sein-Phase werden oftmals recht schnell erreicht und ein Leben als Single kann manchmal auch sehr trist sein!

Beim No-Limit Holdem, was heutzutage weitaus populärer ist, ist die Strategie natürlich nicht ganz so einfach anzuwenden, da man in einem einzelnen Pott theoretisch alles verlieren kann, was man in etlichen Stunden vorher mühsam gewonnen hat…sofern eben ein Gegner am Tisch sitzt, der noch mehr Chips hat als man selbst und man gegen ihn in einen Riesenpott verwickelt wird.

Auf jeden Fall lief es weiterhin sehr rund für mich. Die Quote meiner Gewinnsessions sank zwar ein wenig auf 75% und auch meine stündliche Erwartung sank auf 1,5 Big Bets pro Stunde (also immer noch 12$ wie im tieferen Limit). Aber ich schlug das nächsthöhere Limit und das war für mich persönlich wichtig. Weil es an den Wochenenden im Mirage nur so von ahnungslosen und finanzstarken Touristen wimmelte, spielte ich dann bald vom Freitag bis Sonntag 6/12$ im Mirage…und unterhalb der Woche weiter Downtown 4/8$.

Ich hatte mich mittlerweile zu einem fertigen und sehr gefährlichen Spieler entpuppt, der zumindest in den kleinen und mittleren Limits keinen Gegner und keinen Tisch in Las Vegas fürchten mußte. Auch mit ein wenig Stolz erzähle ich hier gern, dass es Phasen gab, wo im Binions manche einheimische Spieler direkt aufstanden, wenn ich mich neu an den Tisch gesellte! Und zwar nicht deshalb, weil ich gestunken habe oder unfreundlich war, sondern weil sie genau wußten, dass ab meinem Erscheinen am Tisch nicht mehr gut Kirschen essen war und das Spiel ungleich schwerer wurde. Downtown gaben sie mir dann irgendwann den Spitznamen “DesertFox“. In Erinnerung an eine nicht so glorreiche Zeit der Deutschen Geschichte, als sich ein gewisser Feldmarschall Rommel den Spitznamen “Wüstenfuchs“ für seine tragischen Erfolge in den Wüstenregionen Nordafrikas erwarb. Nun nannten sie mich so! Allerdings war es wirklich nie böse gemeint, sondern immer eher humorvoll und sicherlich immer auch mit ein wenig Neid und Furcht behaftet. Hoffe ich jedenfalls!

20 Jahre später alles etwas gelassener und mit Massagegirl.
Früher 10 Stunden hochkonzentriert und knallhart!
Gegenüber meinen Anfängen, als ich die Basis-Strategien für ein erfolgreiches Abschneiden von Klaus gelehrt bekam, hatte ich mein Spiel peu á peu noch um einige Nuancen verändert. Das Angreifen der Blinds mit Gurkenhänden wie A4o oder 75s vom High-Jack oder Cut-Off, ja selbst vom Button, strich ich von meiner Liste. Es wäre zwar in den jeweiligen Momenten vermutlich effektiv gewesen, aber ich wollte mein Image am Tisch einfach nicht zerstören und dachte langfristig. Ich wollte nicht, dass ich eine schwache Hand beim Showdown zeigen musste. Denn dadurch hielt ich das Bild, das die anderen von mir hatten, aufrecht und gewann sehr viele Pötte, die mir nicht zustanden. Die Leute dachten, das es der “DesertFox“ wirklich immer hat, wenn er in einen Pott involviert war und Interesse bekundete. Wie häufig hörte ich am anderen Endes des Tisches die Leute zu ihren Nachbarn ganz leise Sätze murmeln wie “This kid is so damn lucky“ oder “He always has it…he never bluffs“, nachdem ich wieder mal einen Pott mit kompletter Luft einstrich. Genauso musste es sein! Es gab mir die Chance wirklich sehr viele Pötte zu klauen… 2 von 5 waren einfach nur gut getimte und nicht enttarnte Bluffs.

Wurde ich ausnahmsweise mal erwischt, dann spielte ich es in den nächsten 2-3 Stunden wieder konservativer, bluffte weniger bzw. gar nicht um das solide Image wieder aufzubauen. Andersrum, wenn ich die Boards sehr gut traf und bemerkte, dass die Leute gar nicht mehr mitgingen und ich meine Value-Hände schlecht bis gar nicht ausgezahlt bekam, bluffte ich wieder etwas mehr und solange, bis ich zumindest einmal erwischt wurde. Das reichte dann für die nächsten 5-6 Stunden um die Action wieder anzuheizen und die Gegner im Unsicheren zu lassen. Ich saß in einem PS-starken Auto und wechselte die Gänge wie ich wollte...und es funktionierte!

Hört sich alles sehr gut und nach einem Traumleben an, nicht wahr? War es auch. Wenn, ja wenn nicht zwischendurch ein gewisser Mr. DOWNSWING vorbeikam und Hallo sagte…

To be coninued

Freitag, Januar 26, 2018

Mein Zuhause +++ der Polo-Club in Las Vegas +++


Bevor ich mit dem zweiten Teil meines Las Vegas-Berichts fortfahre, möchte ich euch zunächst ein wenig etwas über den Polo-Club in LV erzählen. Jene wunderschönen Apartment-Anlage in Nähe des Rio Casinos gelegen, welche von 1991 an für knapp 3 Jahre mein neues Zuhause werden sollte.

Die Anlage war ein einziger Traum! Supermärkte & Restaurants waren weniger als 5 Gehminuten entfernt und die Anlage selbst mit den Tennisplätzen, den 3 Pool-Anlagen, dem Fitness-& Wellnesscenter bot ebenfalls alles, was das Herz begehrte. Meine Tagesabläufe dort glichen sich dann mehr oder weniger wie ein Ei dem anderen. Den Nachmittag verbrachte ich an mindestens 350 Tagen im Jahr für ca. 3-4 Stunden am Pool. Ich las die Tageszeitung oder Pokerbücher, spielte Backgammon oder genoss einfach die Sonne, die in Las Vegas eigentlich immer scheint. Speziell die Monate März, April, Oktober und November sind in Vegas einfach genial mit azurblauem Himmel und Temperaturen um die 25 C. Von Dezember bis Februar wird es dann auch mal ein wenig frisch, wobei man es am Pool & in der Sonne immer noch ganz gut aushalten kann.
Die Monate Mai bis September sind eigentlich nur etwas für wahre Sonnenanbeter, denn es wird heiß, im Juli & August sogar verdammt heiß. Nur wer bereits mal selbst in Las Vegas war, der kann sich die unerträgliche Hitze einigermaßen vorstellen. Temperaturen um die 40/45 C sind nahezu Standard und man kommt sich vor, als wenn man direkt in eine Sauna geht, wenn man das Haus verläßt. An manchen Tagen wurde es sogar über 120 C Fahrenheit, was knapp 50 Grad Celsius entspricht. Selbst im eiskalten Pool ist es an solch heißen Tagen draußen nur sehr, sehr kurz auszuhalten. Die Hitze geht einfach zu sehr und zu schnell an die Substanz.



An kühlen Tagen im Sommer geht es auch mal runter auf 42 C 


Häufig schlief ich in der Abendsonne noch ein wenig am Pool, bevor es dann zurück ins Apartment zum Duschen und frisch erholt “zur Arbeit“, sprich zum Pokern ging. Meine Arbeitsstätten waren das Mirage Casino (hier gab es für mich das 3/6$ & 6/12$ Limit Holdem), Binions Horseshoe Downtown (2/4$, 4/8$) oder die Gold Coast (4/8$). Das Gold Coast Casino lag in unmittelbarer Nachbarschaft und weniger als 5 Gehminuten entfernt. Zum Mirage, ca. 1.5 KM entfernt, ging ich von November bis März ebenfalls zu Fuß….der Marsch dauerte ca. 20 Minuten. Von April bis Oktober war dies aufgrund der hohen Außentemperaturen einfach nicht möglich und ich nahm den klimatisierten Bus. Nach Downtown fuhr ich immer mit dem Bus (1$), sofern sich im Mirage niemand fand, der ein Auto hatte und ebenfalls plante dorthin zu fahren. Später dann gab meine angestiegene Bankroll sogar den Kauf eines Gebrauchtwagens her, womit ich dann wesentlich flexibler wurde.

Im Polo-Club selbst kam ich über die Zeit natürlich mit etlichen Leuten in Kontakt und einige dieser interessanten Personen möchte ich euch heute etwas näher vorstellen. Anfangen möchte ich natürlich mit meinem Pokermentor und WG-Partner Klaus.


Klaus
Irgendwie war es ja schon extrem verrückt. Klaus und ich wuchsen im gleichen idyllischen ostwestfälischen Ort auf und unsere Elternhäuser lagen nicht mal 500 Meter Luftlinie auseinander. Jetzt trafen wir uns im ca. 9.000 Kilometer entfernten Las Vegas, lebten im gleichen Apartment ohne uns vorher jemals gesehen zu haben oder abzusprechen und wir hatten zudem die gleichen Ambitionen. Mit dem Pokerspiel in Las Vegas Geld zu verdienen.
Wann und wieso Klaus in Las Vegas gestrandet war, das kann ich nicht einmal genau sagen. Ich weiß nur, dass er bereits in sehr jungen Jahren an der Frankfurter Börse als Trader aktiv war und später auch an den Börsen in London und Sydney arbeitete.  Jetzt war er in den Highroller-Limits in Las Vegas zu Hause und spielte 75/150$. Er spielte zwar auch Limit Texas Holdem, aber seine Lieblings- und Spezialvariante war Omaha H/L. Sobald ein Tisch in diesem Limit zustande kam, war Klaus stets dabei.

Nie zuvor in meinem Leben und auch nie danach habe ich im Übrigen einen Menschen getroffen, der so sicher mit Zahlen umgehen konnte und zudem auch ein nahezu perfekt photographisches Gedächtnis hatte. An Abenden, wo wir ausgingen, profitierte ich häufig davon und gewann über die Jahre etliche Freigetränke, weil Klaus Wetten gewann. So war er z.B. in der Lage sich bis zu 20 Tel.-Nummern zu merken, die jemand anderes willkürlich aufschreiben konnte und die er sich in nur 30 Sekunden einprägen musste. Er sagte die Nummern ohne Probleme und ohne einen einzigen Fehler auf!
Ebenfalls fällt mir die Geschichte ein, als wir auf der Suche nach einem Auto für mich waren. Wir fuhren im Schrittempo an einem Gebrauchtwagenhändler vorbei, wo etliche Autos direkt an der Straße aufgestellt waren und die jeweiligen Daten wie Kaufpreis, Baujahr, KM-Stand und Tel.-Nr. groß auf der Windschutzscheibe notiert waren. Er merkte sich beim Vorbeifahren (!) alle wichtigen Daten der für uns in Frage kommenden Fahrzeuge. Vom Apartment aus machten wir die Anrufe er hatte alle Details zum jeweiligen Auto problemlos parat.

Klaus war ein absolutes Zahlengenie
Klaus war nicht nur mein Pokermentor und WG-Partner, sondern wurde auch mein Freund. Alle unsere Interessen deckten sich und so wie ich war auch er sehr sportinteressiert. Wir liebten es beide Tennis zu spielen und da unsere Spielstärken fast identisch waren, gingen wir von nun an sehr häufig auf den clubeigenen Hartcourt um uns zu messen. Da wir beide sehr ehrgeizig waren, sollten diese Tennisduelle Jahre später auch zu einem ersten kleinen Bruch in unserer “Beziehung“ führen. Aber dazu an anderer Stelle mehr. 

Mitch Perkins
Mitch war direkter Nachbar von uns. Er bildete mit Simon, einem Restaurant-Manager, ebenfalls eine WG und da die beiden auch im Alter von Klaus und mir waren, kamen wir zwangsläufig in Kontakt.
Während sich mein Leben ausschließlich an den Pokertischen abspielte, so spielte sich Mitch Leben zu 100% auf dem Tennisplatz ab. Er war Tennislehrer und gab im Club Stunden für Kids, Teens sowie auch für Erwachsene, die ihre Skills auf dem Platz ein wenig verbessern wollten.
Mitch war wirklich jeden einzelnen Tag von morgens bis abends auf dem Court und gab Unterricht. Ich bewunderte nicht nur seine Geduld mit den teilweise völlig untalentierten & unsportlichen Schützlingen, sondern auch seine elegante Weise den Ball zu schlagen.
Nie vergessen werde ich den Tag, als ich zum allerersten Mal sah, wie gut er wirklich spielte. Ich lag am Pool und hörte auf einmal Geräusche vom nahegelegenen Court, die ich vorher noch nie so vernahm. Zwei Spieler stöhnten sich dort ordentlich was zusammen und der Rhythmus sowie vor allen Dingen auch die Härte der Schläge deutete darauf hin, dass sich dort etwas Besonderes abspielte. Meine Neugier war geweckt und ich ging zum Court. Dort hatte Mitch dieses Mal einen Schüler, der es auch richtig beherrschte und die beiden droschen den Ball über Vor- wie Rückhand so hart hin und her, wie ich es nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Ich war wirklich beeindruckt!


Als ich einige Tage später am Pool Backgammon spielte und Mitch eine Freistunde hatte, gesellte er sich zu uns. Er interessierte sich für das Brettspiel und nachdem ich ihm kurz die Regeln erklärt hatte, machten wir einen Deal. Ich gab ihm einige Lehrstunden im Backgammon und er mir dafür im Tennis.
Und es entstand eine Freundschaft. So erfuhr ich auch einiges über Mitch Vergangenheit. Dass er Kanadier war und als Jugendlicher die Nr. 1 im Ranking seines Landes war. Später hatte er sogar einen Einsatz für das Davis-Cup Team Kanadas und spielte einige ATP-Turniere mit. In seiner besten Zeit war Mitch sogar mal in den TOP 600 auf der Tennis-Weltrangliste.
Dann jedoch hatte er große persönliche Probleme, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Er brach seine hoffnungsvolle Tennis-Karriere ab und landete/strandete in Las Vegas, wo er nun Kindern und Jugendlichen Tennisunterricht für 15$ die Stunde gab. Er war stolz darauf, dass er zum damaligen Zeitpunkt aber immerhin noch die aktuelle Nr. 3 in Nevada war. Hört sich im ersten Moment nach nicht so sehr viel an. Wenn man aber bedenkt, dass lediglich Andre Agassi, die damalige Nr. 1 der Weltrangliste sowie David Pate (ehemalige Nr. 1 der Doppel-Weltrangliste, 18. im Einzel) vor ihm standen, so ist dies um so höher einzuschätzen.

Mitch Perkins - US Tennis Champion Ü50
Als ich beim Schreiben dieses Blogs recherchiert habe, ob Mitch vielleicht auch auf Facebook aktiv ist oder was er derzeit macht, habe ich mit sehr viel Freude herausgefunden, dass er vor gut 2 Jahren USA-Champion der Ü50 Tennisspieler wurde! Glückwunsch Mitch und falls du durch Zufall beim Googeln deines Namens hier mal landen solltest, dann melde dich via Facebook oder Twitter. 
http://www.heraldtribune.com/news/20151018/tennis-perkins-rallies-to-top-alumbaugh-for-sarasota-title

Bill Smith
Ein weiterer sehr interessanter Mitbewohner des Polo-Clubs war Bill Smith. Ich kannte Bill von unzähligen gemeinsamen Sessions in der Gold-Coast, wo er jeden Abend im 4/8$ Limit spielte. Den wirklich eingefleischten Poker-Freaks unter den Lesern könnte der Name Bill Smith vielleicht sogar etwas sagen. Ihm gelang nämlich 1985 das, wovon viele Pokerspieler heute träumen >> das Main-Event der World Series of Poker zu gewinnen! Für den Sieg gab es damals noch läppische 700.000$. Heutzutage bei den riesigen Teilnehmerfeldern gibt es für diesen Sieg jedes Jahr so um die 10 Millionen Dollar! Zudem erreichte Smith übrigens noch zwei weitere Male den Final Table.
Jetzt spielte er abends in der Gold Coast 4/8$ Limit Holdem ums nackte Überleben. Er war übrigens einer meiner absoluten Lieblingsgegner am Tisch und ich hatte ihn absolut unter Kontrolle. Wenn er sich abends an den Tisch setzte, so gab es exakt drei Phasen, die bei ihm immer exakt identisch abliefen. Man muss hier dazu sagen, dass er leider Gottes ein wenig reichlich dem Alkohol zugetan war.
In Phase I, ich würde mal sagen bei den Bieren 1-3, spielte Smith einfach viel zu vorsichtig und er passte wesentlich zu viele Hände. Man konnte ihn kinderleicht ausbluffen und überaus leicht lesen.
In Phase II, ich würde es mal den Bieren 4-6 zuordnen, wurde er brandgefährlich und er zeigte Moves, die ich nie zuvor von irgend jemanden gesehen hatte (und die ich auch in mein Spiel übernahm). Sein Spiel war ideal ausbalanciert und ich wusste, dass ich mich in dieser Phase einfach generell von ihm fernhalten musste und nur Hände gegen ihn spielen durfte, wenn es wirklich absolut nicht vermeidbar war.  

Bill Smith - WSOP Main-Event Champion 1985 († 1996) 
Dann kam jedoch unweigerlich die dritte Phase. Und in diesem Abschnitt ging er dann auch meist broke und verprasste seinen Stack. Ab dem 7. oder 8. Bier wurde er nämlich viel zu spielfreudig und versuchte alles und jeden zu bluffen. Er zahlte die Gegner aus, obwohl es so glasklar war, dass er geschlagen war. Irgendwie tat er mir leid…aber irgendwie auch wieder nicht, denn Smith hatte aus welchen Gründen auch immer ein Cocktail-Girl aus der Gold-Coast als Freundin, die überaus attraktiv war…die aber biologisch betrachtet auch sehr wohl seine Tochter hätte sein können. Vermutlich war ich einfach neidisch auf ihn! 

JR Rider
Der sicherlich bekannteste Nachbar im Polo-Club war zweifelsfrei JR Rider. Rider war der Starspieler des UNLV College-Basketballteams. Jenes Team, dass 1991 die US-Meisterschaft beim Final Four gewann. Alle Starspieler dieses 91er Teams wechselten dann in die NBA und so gab es einen kompletten Neuaufbau. Und JR Rider – oder Isaiah Rider, wie er sich später nach seiner Konvertierung zum Islam nannte - war der absolute Kopf dieses Teams mit ca. 30 Punkten pro Spiel. Wir grüßten uns im Club, wenn wir uns sahen (er wohnte an der direkten Rückseite unseres Apartments), aber wir hatten nie wirklich direkten Kontakt oder Gespräche.
Klaus nahm mich im Herbst 1991 erstmals zu einem Spiel der Runnin‘ Rebels mit in die Thomas & Mack Arena. Ab diesem Zeitpunkt war ich mega Basketball-Fan und verpasste drei Jahre lang kaum ein Heimspiel des UNLV College-Teams. Die Stimmung in der 20.000 Zuschauer fassenden und permanent ausverkauften Halle war einfach unbeschreiblich gut. Unter den Zuschauern ca. 15.000 Studenten, die einfach unendlichen Lärm machten. Dazu eine sehr mannstarke Kapelle, die ordentlich einheizte.

JR "Isaiah" Rider 
1993 gelang Rider dann der Sprung in die NBA. Er spielte zunächst drei sehr starke Jahre bei den Minnesota Timberwolves, bevor es nach Portland zu den Trail Blazers ging. 1994 gewann Rider den NBA Slam Dunk Contest!  

Corky
Auch Corky kannte ich aus der Gold Coast vom Pokertisch. Obwohl er bereits knapp an die 70 Jahre alt war, so war er doch sehr agil und machte auch am Pokertisch eine erstaunlich gute Figur. Ohne es genau zu wissen oder es jemals hinterfragt zu haben, so glaube ich, dass er beim Poker sogar noch etwas hinzuverdiente zu seiner Rente, die er sich als Sheriff hart erarbeitet hatte. Corky kam aus North-Carolina, wo er knapp 50 Jahre lang als Streifenpolizist aktiv war. Gerade, als er den wohlverdienten Ruhestand erreichte und sein Leben hätte genießen können, verstarb seine Ehefrau. Und so entschloss er sich, North-Carolina zu verlassen und seinen Lebensabend in Las Vegas zu verbringen, sich beim Pokern vom Tode seiner Frau abzulenken.
Ich wusste, dass er irgendwie einsam war und am Pokertisch erzählte er mehrmals, dass er gern auch einen WG-Kollegen hätte.
Irgendwann 1993 kam es zwischen Klaus und mir dann zu einem Streit. Eigentlich wegen einer absoluten Lapalie. Aber da wir beide auch ostwestfälische Dickköpfe waren, konnten wir den Streit irgendwie nicht schlichten und ich zog aus. Ich wendete mich an Corky und der nahm mich sehr gern und sofort auf. Er wohnte nur ca. 30 Meter weiter und so war der Umzug nicht wirklich umständlich.
Ich war nicht einmal eine Stunde in seinem Apartment, als mich Corky beiseite nahm und mir seine Angst beichtete. Er hatte große Panik davor, dass man in sein Apartment einbrechen könnte.
Ich wusste, dass es in den Monaten zuvor bereits zu einigen Raubfällen bei uns in der Gegend kam – sogar bei uns im Club – aber ich war in den zwei Jahren zuvor bereits zweimal auf der Straße ausgeraubt worden und verschwendete eigentlich keine einzige Minute mit der Angst vor einem weiteren Raubüberfall.
Corky hingegen schon. Ich denke es hatte eventuell auch mit seinem Job zu tun, wo er in all den Jahren sicherlich einiges gesehen und mitgemacht hatte. Während unseres Gesprächs ging er zu seinem Schrank. Er holte einen fetten Revolver hervor und gab ihn mir. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich eine Waffe in der Hand und jetzt gab Corky mir so ein Monstrum von Revolver. Er teilte mir mit, dass das Ding geladen sei und ich nur abdrücken müsse, falls mal etwas passieren sollte. Er sagte, dass ich damit auch einen direkt vor mir stehenden Elefanten zur Strecke bringen könne…solch eine Power habe ein Schuss. Hm….dachte ich mir…hoffentlich würde ich den Abzug nie betätigen müssen. Gerade ich als ehemaliger Messdiener und gläubiger Christ. Nie im Leben werde ich dann auch folgenden Satz vergessen, den er mir zusätzlich mit auf den Weg gab: „Wenn du das Ding wirklich mal in Notwehr benötigen musst, dann schieß' mehrmals. Sieh einfach zu, dass Ruhe ist! Du wirst wegen Hausfriedensbruch & Notwehr vor jedem Gericht in den USA freigesprochen“!
Dieser Satz prägte sich mir sehr ein und ich hatte in all den Jahren danach teilweise große Angst davor, mich irgendwelchen Privatgrundstücken zu sehr oder plötzlich zu nähern. Immer aus Respekt davor, dass sich vielleicht irgend jemand in seiner Privatsphäre bedroht fühlen und seinen Finger zu schnell am Abzug haben könne.

So ähnlich sah meine Wumme aus

Mein Revolver lag in darauffolgenden Monaten zwar stets geladen, aber Gott sei Dank auch unbenutzt unter meinem Bett. Ich brauchte ihn nicht. Knapp ein halbes Jahr wohnte ich bei Corky, bevor ich dann nochmals umzog. Der Grund war eine Frau. Obwohl ich über all die Jahre versuchte, mich stets voll auf das Pokern zu konzentrieren und ich immer der Meinung war, dass eine feste Beziehung mich dabei nur belasten oder aus dem Rhythmus bringen könne, so verliebte ich mich unsterblich in Jessica. Wie diese 💕 Episode ausging, das erfahrt ihr in einem anderen Blogeintrag. 
 

Freitag, Januar 19, 2018

Potti in Vegas am & im Limit (Teil 1)

Ich bin in den letzten Wochen/Monaten häufiger darauf angesprochen werden, wie mein Leben als “Pokerprofi“ damals in Las Vegas denn so war. Wie ich überhaupt auf die Idee kam nach Las Vegas zu gehen, wie die Tagesabläufe vor Ort ausgesehen haben, wie stark der Druck war und so weiter. 

Und ich habe festgestellt, dass ich in all meinen Blogeinträgen über dieses Thema bislang nicht viel bzw. sogar noch gar nicht im Detail berichtet habe. Somit hole ich dies heute nach. Je nach Schreiblaune könnten es auch zwei, vielleicht gar drei Teile werden, denn es gibt einiges an interessanten Details aus dieser sehr schönen Zeit zu berichten.

Fangen wir mal ganz von vorn an und kommen zu dem Punkt zurück, als ich überhaupt das allererste Mal mit der Stadt, in der ich dann einen Teil meines Lebens verbringen sollte, in Kontakt gekommen bin. Es war 1987 und ich hatte gerade meine Ausbildung als Programmierer erfolgreich bestanden. Mit meinem Kumpel Markus stand ein gemeinsamer USA-Urlaub auf dem Programm. Wir wollten uns nochmals richtig die Hörner abstoßen, bevor es dann endgültig und mit Volldampf ins harte Berufsleben gehen sollte. Ich im IT-Business und Markus in der KFZ-Branche. Wir hatten beide so um die 5.000 Mark gespart und das Geld sollte uns tragen so lange es geht. Und wir wollten dafür so viel sehen und erleben wie möglich. Unsere Reise war auf 6 Monate ausgelegt!

Potti - damals noch rank und schlank


Markus in Florida

Tatsächlich fing auch alles traumhaft und wie von uns erhofft an. Aufenthalte in New York, Florida, Dallas, San Francisco und Los Angeles verliefen exakt so, wie wir es uns im Vorfeld gewünscht und vorgestellt hatten. Nach ca. 5 Wochen stand dann eine Stippvisite in Las Vegas auf dem Programm. Aus ursprünglich 3 geplanten Tagen in der Wüstenstadt ist dann eine komplette Woche geworden, denn die Stadt hat uns von Anfang an total fasziniert. Aber leider haben wir in dieser Woche auch einen Großteil unseres Reisebudgets verballert. Beim Pokern! Jeden Abend zog es uns an die Tische und jeden einzelnen Abend war das Ergebnis das gleiche! Tasche leer! Ob beim Seven Card Stud oder beim Limit Holdem…wir bekamen einfach kein Bein an die Erde. Die Gegner, meistens Typen so um die 60-70 Jahre und ortsansässig, hatten einfach tierisch viel Glück - so schien es uns damals jedenfalls - und gerade in den entscheidenden Situationen immer das bessere Ende für sich. Die Woche in Vegas kostete uns ca. 2.500$ pro Person und somit die Hälfte unseres kompletten Gesamtbudgets!
Und so kam es, dass wir unseren eigentlich auf 6 Monate geplanten US-Trip aus finanzieller Not bereits nach 8 Wochen abbrechen mußten. Das wurmte mich damals sehr und ich nahm mir vor, dass ich mir die in Las Vegas gelassene Kohle früher oder später wieder zurückholen wollte. Und dies sollte mir auch gelingen…mit Zins und Zinseszins!

Zwei Jahre lang sparte ich alles an Geld, was ich verdienen konnte. Im Hauptjob als IT-Spezialist, an den Wochenenden als Taxifahrer. 1989 hatte ich dann das mir selbst gesetzte Startkapital von 6.000 DM zusammen. Ich kündigte meine Jobs und ich teilte meiner Familie mit, dass ich in die USA übersiedeln und mein Geld zukünftig in Las Vegas beim Pokern verdienen würde. Das Theater war natürlich riesengroß. Zum einen war man mit meiner Entscheidung überhaupt nicht einverstanden – ich komme aus einer recht konservativen Familie - und zum anderen traute man mir dies wohl auch nicht zu. Meine Eltern und Freunde sollten Recht behalten. 4 Wochen, nachdem ich loszog, war ich bereits wieder in Deutschland! Blank wie eine Kirchenmaus! Es hatte spieltechnisch einfach nicht gereicht und die parallel angefallenen Lebenskosten taten ein Übriges. Ich war total enttäuscht. Aber dieses Versagen motivierte mich. Ich bestellte mir Pokerbücher von David Sklansky und Mason Malmuth über Limit Texas Hold’em und las jedes einzelne Buch mindestens ein Dutzend Mal durch. Bis ich jede einzelne Passage und jede potentiell auftretende Situation aus dem Eff-Eff beherrschte. Parallel arbeitete ich wie ein Bekloppter um wieder Geld anzusparen. Tagsüber im Büro und abends sowie an den Wochenenden wieder als Taxifahrer. Knapp 14 Monate später startete ich meinen zweiten Versuch in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dieses Mal dauerte es dann gute 6 Wochen, bis ich mein Budget unter die Leute gebracht hatte und meinen Rückflug nach good old Germany antreten mußte. Ich war einfach nicht gut genug.

Der Traum, in Las Vegas zu leben und mit dem Pokerspiel meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, war jedoch weiterhin vorhanden, vielleicht sogar größer denn je. Wiederum besorgte ich mir einige Bücher, die ich vorwärts & rückwärts studierte um mein Wissen zu erweitern. Ich wollte es schaffen…und zwar um jeden Preis!

Den dritten Versuch startete ich dann 1991. Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätte diese Reise einen ähnlich erfolglosen und deprimierenden Ausgang genommen wie meine beiden ersten Versuche, wenn sich nicht gleich zu Beginn des Trips einige sehr große Zufälle zugetragen hätten.

Ich war gerade mal zwei Tage in der Stadt und hatte mich wie gewohnt in einem schmierigen Motel Downtown in der Fremont Street eingenistet. Hier waren die Zimmer mit Preisen um die 100$ pro Woche überaus günstig und die Nähe zu mehreren Casinos, in denen gepokert wurde, war gegeben. Die in Kauf zu nehmende Nachteile waren ein überaus kleines und tristes Zimmer, welches man mit Kakerlaken und anderem Ungeziefer teilen musste sowie eine Nachbarschaft, in denen es von Drogendealern, Nutten inkl. deren Zuhälter und vielen anderen Klein- und Großkriminellen nur so wimmelte. Selten gab es einen Moment, wo man die lauten Sirenen eines Polizeiautos nicht hörte. Das mir in besagter Zeit außer einem kleinen Zwischenfall - bei dem ich einigen gezückten Messern ins Auge sah, nach Herausgabe von 80$ jedoch normal weiter spazieren durfte - nicht mehr passiert ist, grenzt eigentlich ebenfalls an ein großes Wunder!

Mein Zuhause während der ersten beiden Las Vegas-Trips

Es war immer was los

Abends spielte ich in Binions Horseshoe Limit Hold’em und ich war an meinem Tisch mit einem Engländer, der auch in der Stadt lebte, ins Gespräch gekommen. Er teilte mir mit, dass er einen Deutschen namens Klaus kenne, der ebenfalls seit geraumer Zeit in Vegas wohne. Und das er mir jenen Klaus gern vorstellen würde, wenn er ihn das nächste Mal sieht. Eine vermutlich von oben gewollte Fügung brachte den Zufall, dass Klaus tatsächlich kurze Zeit später das Casino betrat und der Engländer ihn auch sofort entdeckte. Er rief ihn zu uns an den Tisch und stellte uns vor. „Wo aus Deutschland kommst du her?“, fragte mich Klaus, der vielleicht 3-4 Jahre älter war als ich. „Aus NRW“, entgegnete ich. „Wo da genau?“, kam die nächste Frage. „Aus der Nähe von Bielefeld!“, und ich merkte, dass seine Ungläubigkeit größer wurde. „Ich auch“, teilte er mir mit. „Woher denn genau?“, ging es weiter. „Aus Rheda-Wiedenbrück“, fuhr ich fort und in dem Moment, wo ich die Stadt aussprach, fiel bei ihm die Kinnlade runter. „Das gibt es doch nicht“, brachte er hervor. „Ich auch!“. Und tatsächlich…er besuchte die gleichen Schulen wie ich, kannte die gleichen Lehrer, die gleichen Restaurants, usw. Wie sich später herausstellen sollte, kannten sich unsere Eltern sogar!

Nun standen wir uns am anderen Ende der Welt mitten in der Wüste & im gleichen Casino gegenüber und hatten das gleiche erklärte Ziel. Mit dem Pokerspielen in Las Vegas unser Geld zu verdienen! Es bestand jedoch ein klitzekleiner Unterschied. Klaus war bereits seit geraumer Zeit hier und spielte bereits in den höchsten verfügbaren Highroller-Limits, während ich dabei strauchelte, selbst in den kleinsten verfügbaren Limits über die Runden zu kommen. Jetzt kam der nächste große Zufall. Zwei Tage zuvor nämlich hatte Klaus mit seiner Lebensgefährtin abgebrochen und somit stand eine Hälfte seines Apartments leer. Da wir uns vom ersten Moment an sympathisch waren und zudem so viele Gemeinsamkeiten hatten, stellte er mir eine Frage, die mein zukünftiges Leben gewaltig verändern und positiv beeinflussen sollte: „Wenn du Lust hast, kannst du zu mir ins Apartment zu ziehen?“. Ich brauchte keine Sekunde überlegen…na klar ich hatte ich das! Und nicht einmal 30 Minuten, nachdem wir uns überhaupt erst kennengelernt hatten, saß ich bereits in seinem schicken Auto und wir fuhren zu meinem Motel unweit des Casinos um meine Klamotten zusammen zu packen und den Umzug klarzumachen.

Es ging den Strip hoch Richtung Caesars Palace, wo wir rechts  abbogen. Bereits einige Minuten später erreichten wir den an der Kreuzung Flamingo & Decatur gelegenen Polo Club. Mein neues Zuhause für die nächsten Jahre. Zu jener Zeit war der Polo Club sicher eine der modernsten und exklusivsten Apartmentanlagen der Stadt! Einfach traumhaft mit drei großen Poolanlagen, 2 Tennisplätzen, einem großen Fit- & Wellnesscenter inkl. Sauna sowie einem Security-Service am Eingang der Einlage, der vor ungebetenen Gästen schützte. Klaus‘ Apartment hatte zwei große Schlafzimmer, zwei Bäder sowie eine großes gemeinsames Wohnzimmer, in welches – typisch amerikanisch - eine große Küche integriert war. Was ein Unterschied zu meiner Bruchbude an der Fremont Street…und für 400$ pro Monat war es nicht einmal teurer als meine Kakerlaken-Laube.  Ich sollte mich im Polo Club, in dem wir im Übrigen sehr interessante und teils auch prominente Nachbarn hatten (dazu in einem anderen Blog mehr) sehr, sehr wohl fühlen!

Der Polo Club - eine wahre Oase
Am darauffolgenden Tag durfte ich Klaus zum allerersten Mal zu einer Highroller-Partie im Mirage Casino begleiten! Ich durfte hinter ihm sitzen und ihm die ganze Session über in die Karten schauen. Ich bemerkte schnell, dass das Pokerspiel, was ich bis zu diesem Zeitpunkt in den Micro-Limits im El Cortez, im Fremont Casino oder im Binions Downtown betrieb, nichts mit dem Spiel zu tun hatte, was ich in jener 75/150$ Limit-Holdem Partie zu sehen bekam…und ich lernte schnell…ein neuer und erfolgreicher Lebensabschnitt sollte beginnen!

to be continued

Potti in Vegas am & im Limit (Teil 4)

Der letzte Blogeintrag ist nun 9 Monate her. Ich könnte hier jetzt schreiben, dass ich eine schöpferische Pause brauchte oder dass ich arb...